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April: Leipziger Buchmesse 2019

Schäfchen im Trockenen von Anke Stelling - Gewinnerin des ersten Preises  Spiegel Top10

Resi hätte wissen können, dass ein Untermietverhältnis unter Freunden nicht die sicherste Wohnform darstellt, denn: Was ist Freundschaft? Die hört bekanntlich beim Geld auf. Die ist im Fall von Resis alter Clique mit den Jahren so brüchig geworden, dass Frank Lust bekommen hat, auszusortieren, alte Mietverträge inklusive.

Resi hätte wissen können, dass spätestens mit der Familiengründung der erbfähige Teil der Clique abbiegt Richtung Eigenheim und Abschottung und sie als Aufsteigerkind zusehen muss, wie sie da mithält.

Aber Resi wusste's nicht. Noch in den Achtzigern hieß es, alle Menschen wären gleich und würden durch Tüchtigkeit und Einsicht demnächst auch gerecht zusammenleben. Das Scheitern der Eltern in dieser Hinsicht musste verschleiert werden, also gab's nur drei Geschichten aus dem Leben ihrer Mutter, steht nicht mehr als ein Satz in deren Tagebuch.

Darüber ist Resi reichlich wütend. Und entschlossen, ihre Kinder aufzuklären, ob sie's wollen oder nicht. Sie erzählt von sich, von früher, von der Verheißung eines alternativen Lebens und der Ankunft im ehelichen und elterlichen Alltag. Und auch davon, wie es ist, Erzählerin zu sein, gegen innere Scham und äußere Anklage zur Protagonistin der eigenen Geschichte zu werden.

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudis

Jan Kraus arbeitet als Altenpfleger in Berlin. Geboren ist er in Vimperk, dem früheren Winterberg, im Böhmerwald, seit 1986 lebt er in Deutschland. Unter welchen Umständen er die Tschechoslowakei verlassen hat, das bleibt sein Geheimnis. Und sein Trauma. Kraus begleitet Schwerkranke in den letzten Tagen ihres Lebens. Die Tage, Wochen, Monate, die er mit seinen Patienten verbringt, nennt er "Überfahrt". Einer von denen, die er auf der Überfahrt begleiten soll, ist Wenzel Winterberg, geboren 1918 in Liberec, Reichenberg. Als Sudetendeutscher wurde er nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Als Kraus ihn kennenlernt, liegt er gelähmt und abwesend im Bett. Es sind Kraus' Erzählungen aus seiner Heimat Vimperk, die Winterberg aufwecken und ins Leben zurückholen. Doch Winterberg will mehr von Kraus, er will mit ihm eine letzte Reise antreten, auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe - eine Reise, die die beiden durch die Geschichte Mitteleuropas führt. Von Berlin nach Saraj
evo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest. Denn nicht nur Kraus, auch Winterberg verbirgt ein Geheimnis.

Babel von Kenah Cusanit

Biographischer Roman über den deutschen Archäologen Robert Koldewey.

Robert Koldewey, Architekt und Archäologe, gilt als Begründer der archäologischen Bauforschung. Zu Beginn des 20. Jh. leitete er in Mesopotamien die Ausgrabungen in Babylon. Cusanit, selber Altorientalistin und Ethnologin, beschäftigt sich in ihrem Roman mit Koldeweys Ideen und seinem Schaffen. Laut Klappentext ist ihr Romandebüt eine Mischung aus Ideen-, Abenteuer- und Zeitgeschichte, ein Roman der den Blick auf die Gegenwart verändert. Davon ist bei der Lektüre allerdings nicht viel zu merken. An diesem Buch haben wohl Vorgebildete auf dem Gebiet der Altorientalistik oder Archäologie Interesse. Die meisten anderen Leser werden den Roman nach spätestens einem Kapitel gelangweilt weglegen.

Die Geschichte der Frau von Feridun Zaimoglu

Ein literarisches Abenteuer, ein großer Gesang, ein feministisches Manifest: Feridun Zaimoglus neuer Roman ist ein unverfrorenes Bekenntnis zur Notwendigkeit einer neuen Menschheitserzählung - aus der Sicht der Frau.
Dieses Buch erzählt eine unerhörte Geschichte. Es lässt zehn außerordentliche Frauen zur Sprache kommen vom Zeitalter der Heroen bis in die Gegenwart. Es sind Menschen, deren Sicht auf die Dinge nicht überliefert wurde. Weil Männer geboten, die Wahrheit tilgten und die Lüge zur Sage verdichteten. Diesen Frauen war es vorbehalten, schweigend unsichtbar zu bleiben oder dekorativ im Bild zu stehen. Doch nun sprechen sie - klar und laut, wie eine abgefeuerte Kugel.
Feridun Zaimoglu zeigt sich in seinem neuen Roman erneut als ein Meister der Vielstimmigkeit. Was ihm dabei gelingt, ist ein regelrechtes Wunder. Die Figuren dieses Buches klingen nicht nur lebendig - sie werden es: von Antigone über Judith bis Valerie Solanas. Kraftvoll, poetisch und subversiv. Kein Friedensan
gebot. Keine Schmeichelei. Tabula Rasa!
Folgende Frauen kommen zu Wort:
Zippora 1490 v. Chr. - schwarzhäutige Frau des Moses Antigone Zeitalter der Heroen - Streiterin gegen Gewaltherrschaft Judith 6. Tag nach der Auferstehung - Jüngerin Jesu, Frau des Judas Brunhild 429 - zaubermächtige Walküre, Kriegerkönigin Prista Frühbottin 1540 - heilkundige Frau, der Hexerei bezichtigt Lore Lay 1799 - Magd, die sich vom Dichter nicht bannen lässt Lisette Bielstein 1849 - rote Fabrikantentochter Hildrun Tilmanns 1945 - Trümmerfrau Leyla 1965 - Gastarbeiterin der ersten Stunde Valerie Solanas 1968 - Feministin, die zur Waffe greift

Der traurige Gast von Matthias Nawrat

Ein schwer zu fassender Erzähler sammelt im Berlin der Gegenwart Lebensläufe, die in die europäische Geschichte zurückreichen.

Ein namenloser Ich-Erzähler streift durch Berlin und lässt sich in Gespräche verwickeln. Da ist die polnische Architektin Dorota, die ihren Stadtteil Schönefeld nicht mehr verlässt. Sie bewirtet den Erzähler mit Gebäck, das von surreal gummiartiger Konsistenz ist. Sie erzählt ihm von ihrer Mutter und der wechselhaften Geschichte ihrer Zeit: In einem Teil Polens aufgewachsen, der heute zur Westukraine gehört, wurde sie nach dem Krieg ins deutsche Oppeln umgesiedelt, das heute in Polen liegt. Dort ist Dorota geboren, auch der Erzähler (und der Autor Nawrat ebenfalls). Dorotas Monologe driften ab in philosophische Gedanken über das Leben als sinnloses Treiben im All. Mehr und mehr sickern ihre Befindlichkeiten in das Empfinden des Erzählers ein, erzeugen in ihm ein Schwindelgefühl. - Auch in den Begegnungen mit anderen Menschen, erfährt er mehr über ihr Unbehagen und ihre Zerrissenheit. Er selbst ist ein empathischer Zuhörer, der es auf sich nimmt, existenzielle Fragen zu stellen. Das ist irritierend und sperrig zu lesen. - Für anspruchsvolle Leser, die bereit sind, sich diesen Fragen zu stellen.